“Ein einziges Wort: Liebe”. Ein Gespräch mit ADELE über Erinnerung, Kunst und einer geteilten Vision
- Lisa Lesunja

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Seit Evas Tod ist Adele allein, und doch ist das „Wir“ weiterhin spürbar. In jedem Detail, in jedem Objekt, in jeder Geste lebt das gemeinsame Werk fort. Zwischen
biografischen Skulpturen, Fotografien und persönlichen Relikten sprechen wir über Verlust, Kontinuität und die Kraft, eine künstlerische Vision weiterzutragen, die immer mehr war als nur Performance: ein gelebtes Manifest.
Ich treffe Adele in ihrer Wohnung und ihrem Atelier in Berlin. Die Räume wirken wie ein lebendiges Archiv – durchzogen von Farbe, Erinnerung und künstlerischer Präsenz. Vieles erzählt von einem gemeinsamen Leben, von einer radikalen Idee von Identität und Kunst, die Eva & Adele über Jahrzehnte verkörpert haben.
Ein Gespräch über Liebe, Erinnerung und die Unsterblichkeit der Kunst.
Welche Erinnerungen oder gemeinsamen Momente mit Eva begleiten dich aktuell besonders intensiv durch deinen Alltag?
Vor allem Evas Lächeln. Wenn wir morgens aufgewacht
sind, haben wir uns immer zuerst angelächelt, das war
unser Start in den Tag. Heute lächle ich ihr Foto an, und
es lächelt zurück. Und dann sind da diese kleinen Rituale:
Kaffee und Kuchen zum Beispiel, das war ihre grosse Lei-
denschaft. In solchen Momenten ist sie mir besonders nah.
Hat sich dein Blick auf Kunst, Öffentlichkeit und Per-
formance seit diesem Verlust verändert?
Nein. Der Verlust ist Realität, mein Alleinsein auch –
aber meine Haltung zu Kunst, Gesellschaft und Begeg-
nung ist dieselbe geblieben. Vielleicht bin ich heute als
Einzelperson etwas kommunikativer. Als Duo war vieles
auf Synchronität ausgelegt – unsere Bewegungen, unse-
re Gespräche, das hatte auch etwas sehr Theatrales, fast
Bühnenhaftes. Jetzt zeige ich mich offener, auch wenn
ich weiterhin das gemeinsame Werk repräsentiere.
Ihr wart eurer Zeit oft voraus. Welche eurer Visio-
nen erscheinen dir heute besonders relevant?
Besonders wichtig ist, dass queere Menschen heute viel
selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind und frei
leben können. Als wir Ende der 80er Jahre in Berlin ge-
arbeitet haben, war die Stimmung deutlich kälter. Ich
glaube, und hoffe auch, dass unser Werk zu mehr To-
leranz und Offenheit beigetragen hat. Wir haben unser
Bild bewusst in die Welt getragen. Und wir wissen, dass
es Wirkung hatte: Es gibt viele Zuschriften von Men-
schen, die uns schreiben, dass wir sie auf ihrem eige-
nen Weg begleitet haben – etwa mit Worten wie: „You
have been the guiding stars of my own gender journey.“
Wie möchtest du das künstlerische Erbe, das
ihr gemeinsam geschaffen habt, in Zukunft
weiterführen oder vielleicht neu interpretie-
ren?
Adele: Ein wichtiger Schwerpunkt sind derzeit
biografische Skulpturen. Das sind Objekte aus
unserem Leben und unseren Performances.
Einige davon werden bereits in internationalen
Ausstellungen gezeigt; unter anderem auf der
Biennale in Lyon sowie im Museum der Mo-
derne Salzburg, im Georg Kolbe Museum und
in der Nationalgalerie der Gegenwart. Parallel
arbeite ich an einer Publikation, die 2027 er-
scheinen wird und sich ganz diesen Skulpturen
widmet.

Gibt es neue Projekte oder Ausdrucksfor-
men, die du jetzt als Einzelperson erkunden
möchtest?
Wir haben immer medienübergreifend gearbei-
tet – und genau dabei bleibt es auch.
Welche Rolle spielt Berlin heute für dich als
Ort eurer Geschichte und deiner weiteren
Entwicklung?
Berlin ist meine Heimat. Und die künstlerische
Heimat von Eva & Adele. Ich liebe diese Stadt.
Sie bietet eine unglaubliche kulturelle Vielfalt:
von Renaissance-Malerei über Oper bis hin zu
zeitgenössischer Kunst, und gleichzeitig ist man
schnell im Grünen. Dazu kommen die vielen in-
spirierenden Menschen und Künstlerinnen und
Künstler, mit denen ich eng verbunden bin.
Viele Menschen haben euch als Symbol für
tiefe Verbindung erlebt. Was möchtest du,
dass von dieser Botschaft in Zukunft bestehen
bleibt?
Ein einziges Wort: Liebe.
Wenn du an die kommenden Jahre denkst –
was treibt dich künstlerisch und persönlich
an?
Mich treibt an, mein ganzes Potenzial weiterhin
in das Werk von Eva & Adele zu geben. Es ist für
mich auch eine Form der Würdigung unserer
gemeinsamen Zeit und unseres gemeinsamen
Lebens.

Und zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Welche emotionale Bedeutung haben die zwei Armbänder von Lesunja für dich?
Die Armbänder bestehen aus Schmuckstücken, die Eva getragen hat – ich trage also Originalteile von ihr. Für mich sind sie zugleich persönli-
che Erinnerungen und Kunstwerke. Sie werden Teil einer zukünftigen biografischen Skulptur
sein – das ist bereits festgelegt. Es ist etwas sehr Schönes, ihre Schmuckstücke weiterhin in die Welt zu tragen.



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